SARTRE – Wenn der Chauffeur beim Fahren Zeitung liest

Wer zu viele roboterbasierte Thriller oder Krimis geguckt hat, dem dürfte schon bald etwas unwohl werden in seiner Haut. Denn in solchen Filmen geschieht es schließlich häufig, dass die Roboter die Kontrolle selbst ergreifen oder aber die Macht, die sie über unser Leben haben, von einem anderen machtgierigen Gegenspieler missbraucht wird. Ob das tatsächlich einmal eine Sache wird, mit der wir uns beschäftigen müssen, kann noch keiner beantworten. Tatsache ist, dass durch das SARTRE-Projekt eine Technik gefördert wird, die besonders für Fahrer und Umwelt eine Menge Vorteile bietet.

Dass neue Systeme entwickelt werden, mit deren Hilfe die Autofahrer einen Gutteil entlastet werden, ist weder neu noch verblüffend. Bereits jetzt gibt es mehrere Assistenzsysteme, die zum Beispiel im Bezug auf die Geschwindigkeit, den Abstand, die Spurhaltung und die toten Winkel aktive Hilfestellung bieten können. Doch mit dem durch die EU-Kommission kofinanzierten SARTRE-Projekt werden diese nur noch unbedeutende Aspekte sein.

Die Abkürzung SARTRE steht für „Safe Road Trains for the Environment“, frei übersetzt so viel wie „Sichere Kolonnen für die Umwelt“. Gebildet und gefördert wird das Projekt durch sieben leistungsstarke Partner: Die aus Spanien stammenden Idiada und Robotiker-Tecnalia, das britische Ricardo UK Ltd., aus Deutschland (Aachen) das Institut für Kraftfahrwesen (IKA) sowie aus Schweden die Volvo Car Corporation, SP Technical Research Institute und Volvo Technology. Vier Hauptziele haben sich diese Gesellschaften gesetzt:

1)      Verschiedene Techniken für das eigenständige Fahren von Automobilen im Kolonnenverkehr auf Schnellstraßen zu entwickeln

2)      Einsatz und Integration eines Prototyps unter Realbedingungen

3)      Erstellung einer fundamentalen Studie, die die Verbesserung zu den Kernpunkten des Verkehrs Umwelt, Sicherheit und Verkehrsfluss aufweist und bestätigt

4)      Die Veranschaulichung der Vorteile

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Fahrer von Automobilen in Zukunft ihre Fahrzeuge auf Autobahnen vielleicht nicht mehr selber steuern müssen. Bereits beim Test im Frühjahr dieses Jahres war das System so weit entwickelt, dass vier Fahrzeuge ohne Fahrer dem Leit-LKW über 200 km bei knapp 90 km/h folgen konnten. Denn das ist letztendlich das Ziel: Wenn die Autos auf eine Schnellstraße kommen, sollen sie sich bei einem Leitfahrzeug „einklinken“ und damit die Verantwortung aus der Hand geben können. Gleiches System wie bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, nur dass man sein Auto erstens dabei hat und zweitens direkt drin sitzt.

Das Lenken, Beschleunigen und Abbremsen würde von dem mit dem Leitfahrzeug vernetzten Assistenzsystem übernommen werden. Der Fahrer hätte so lange nichts zu tun, bis er aus der Kolonne rausfahren möchte. Das schafft dieselben Vorteile, wie eine Fahrt im Bus oder der Bahn sie auch bieten würde. Auch wenn man sitzen muss und räumlich eingeschränkt ist, ist die Beschäftigung mit anderen Dingen nun gefahrlos möglich. Lesen, im Internet surfen, die Landschaft genießen – was andere im Bus machen, ist nun auch im Auto eine Option. Und ist es bereits jetzt, denn Volvo hat (als bisher einziger Automobilhersteller) diese Technik bereits getestet.

Da diese Technik durchaus vielversprechend und zukunftsweisend ist, hat Volvo eine Position als Vorreiter in Sachen Entwicklung verschafft. Denn das Interesse an solchen Systemen wird wachsen, da ist sich Marcus Roth, der Produkt Manager der Fahrer Assistenzsysteme, sicher. Während ein Auto und ein Führerschein früher vor allem Freiheit und Flexibilität bedeuteten, sind die heutigen jungen Erwachsenen eher etwas entnervt. Denn während sie fahren, sind sie (falls sie sich an die Regeln und Verkehrssicherheitsbestimmungen halten) praktisch von der digitalen Welt ausgeschlossen. Das ist zwar nicht für alle ein Kriterium, doch es gibt genug Personen, die sich damit unwohl fühlen. Daher dürfte ein Autopilot durchaus Anklang finden – was er auch tut, denn einer Studie zu Folge würden ca. 50 % der 18- bis 37-jährigen so eine Automatik gutheißen. Aus Flugzeugen kennen wir sie ja bereits, nur der Einsatz im Auto ist bisher ungewohnt.

Mit dem Autopiloten würden die Fahrer wieder ein Stückchen Freiheit und Flexibilität zurück gewinnen. Neben dem zusätzlichen Komfort gibt es aber auch andere Vorteile. Die Kernpunkte im Verkehr können allesamt positiv beeinflusst werden. Durch die Vernetzung der Kolonnen untereinander wird die Unfallwahrscheinlichkeit stark dezimiert. Da der Fahrer zwischendurch entspannen kann und Konzentrationsschwächen oder Müdigkeit keine Auswirkungen haben, geschehen weniger Fehler. Im Gegenteil, durch die Entspannungspause während der Autobahnfahrt wird der Fahrer später wieder wacher und konzentrierter sein.

Des Weiteren kann der Kraftstoffverbrauch um bis zu 20 % reduziert werden. Und damit natürlich auch der Schadstoffaustoß. Für die Umwelt durchaus relevant, denn wenn es auch bei vier Kraftwagen noch keinen Unterschied macht: Ab einer gewissen Menge Teilnehmer wird sich diese Ersparnis deutlich bemerkbar machen.

Neben Umwelt und Sicherheit profitiert jedoch auch der Verkehrsfluss davon. Durch das Kolonnenfahren, bei dem die Autos nur einen Abstand von gerademal sechs Metern (bei der Probefahrt 5 bis 15 Meter) einhalten, wird die Problematik vom Ab- und Ausbremsen und verzögerten Anfahren souverän gelöst. Daher ist dieses System auch perfekt für die Autobahnen, denn gerade hier kann dadurch der Verkehr flüssig gehalten werden.

Zukünftig wird daran gearbeitet, den Autopiloten auch alltagstauglich zu machen. Pluspunkte: Die Infrastruktur muss nicht verändert werden. Es gibt auch keine zentralen Kontrollstationen (um all diejenigen zu beruhigen, die jetzt schon Angst vor der völligen Auslieferung unseres Verkehrs haben), die erst erfunden und eingerichtet werden müssen.

Allerdings ist die Einführung dennoch nicht ganz so problemlos wie erwünscht. Zum Beispiel muss die Gesetzgebung geändert werden. Alleine der geringe Abstand auf den Autobahnen erfordert eine Neuregelung. Durch die Kameras, Radar-Anlagen und Laser ist das Auto zwar theoretisch abgesichert, aber auch da wird man differenzieren müssen zwischen partiell, voll oder komplett automatisiert. Hinzu kommt die Tatsache, dass es innerhalb Europas unterschiedliche Gesetze geben mag, die beachtet werden müssen. Und natürlich die Sprache, in der das System kommunizieren soll.

Doch schon jetzt befindet sich die Forschung auf einem guten Wege. Wir dürfen also gespannt sein, was Volvo und seine Partner demnächst auf den Markt bringen, wie die fantastischen Visionen umgesetzt werden und ob wir tatsächlich so stark davon profitieren werden, wie die Ankündigungen vermuten lassen. Es ist auf jeden Fall ein Schritt, der der neuen Generation entgegenkommt und der noch sehr viel Raum lässt für Ausweitungen, Fortsetzungen und neue Ideen. Also nicht nur spannend, sondern auch innovativ und zukunftsorientiert – genau das sind die Projekte, die in der Zukunft auch etwas verändern können.